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Ronald McDonald Haus
Aachen

Ein Kampf ins Leben

M. kam mit nur 485 Gramm auf die Welt.

Es ist Anfang März 2022, die Sonne scheint, es wird Frühling. Ich sitze im Wohnzimmer des Ronald McDonald Hauses bei einer Tasse Kaffee mit Frau A., neben uns im Kinderwagen schläft der kleine M. ganz friedlich. Frau A. ist vorbeigekommen, um mir die unglaubliche Geschichte ihres jüngsten Kindes zu erzählen. Es ist eine Geschichte, die mich mit Bewunderung erfüllt. Die junge Mutter möchte Mut machen, sie möchte anderen Familien in einer ähnlichen Situation Kraft geben.

M. kam in der 23. SSW zur Welt. Das Erreichen der 23. SSW gilt als Grenze der Lebensfähigkeit von Frühgeborenen mit medizinischer Hilfe. M. wog nur 485 Gramm, als er zur Welt kam, er gilt als Extremfrühchen.

Eigentlich verlief die Schwangerschaft mit M. problemlos, alle Untersuchungen waren unauffällig. Ganz plötzlich, in der 22. SSW, hatte Frau A. sehr starke Blutungen.

Im Krankenhaus sagte man ihr, dass der Muttermund bereits geöffnet sei, man aber nichts für M. tun könnte, wenn er nun bereits geboren würde, er müsste dringend in einer Klinik mit neonatologischer Versorgung zur Welt kommen. Sofort wurde die Verlegung von Frau A. mit dem Krankenwagen in die Uniklinik Aachen organisiert, wo sie zunächst 15 Tage im Kreißsaal lag.

Der kleine M. ruht sich von den monatelangen Strapazen aus

Diese Zeit bedeutete für Frau A. eine Ewigkeit, eine Zeit voller Tränen. Ihr damals zweijähriger Sohn vermisste die Mutter sehr und auch für die zehnjährige Tochter war die Trennung von der Mutter schmerzhaft. Die Kinder durften nicht in den Kreißsaal, um die Mutter zu besuchen, der Netzempfang war schlecht, es konnte kaum Kontakt gehalten werden. Herr A. blieb immer an der Seite seiner Frau, während die anderen beiden Kinder vom Onkel versorgt wurden.

Die Wehen setzten schließlich ein und M. kam in der 23. SSW zur Welt. Er hatte sich aus eigener Kraft in die richtige Position gedreht, sodass er auf natürliche Weise geboren werden konnte. Sofort nach der Geburt wurde M. auf die Intensivstation gebracht, wo er die nächsten fünf Monate verbringen würde. M. hatte viele medizinische Probleme, insbesondere mit der Lunge, er musste sehr lange intubiert werden, da er nicht selbstständig atmen konnte.

Nachdem Frau A. aus dem Krankenhaus entlassen wurde, versuchte die Familie zunächst für eine Woche, zwischen dem Zuhause in Würselen und der Klinik in Aachen zu pendeln, was schlicht nicht möglich war, die Wege waren zu weit, die Busfahrten zu lang und die beiden Geschwisterkinder mussten versorgt werden. Die Nähe zu M., der noch Monate auf der Intensivstation vor sich hatte, war dringend notwendig, sodass sich Familie A. entschloss, ins Ronald McDonald Haus Aachen zu ziehen, wo sie insgesamt über ein halbes Jahr lebten. Auch in dieser Zeit war es ein unmöglicher Spagat, den Frau A. leisten musste, denn wenn sie in der Klinik an M.s Bett saß, konnte sie die anderen beiden Kinder nicht sehen, kümmerte sie sich um die beiden anderen, die ihre Mutter auch so sehr brauchten und vermissten, war die Sorge um M. unendlich groß.

Auch heute, sechs Wochen nach seiner Entlassung muss M. noch sehr engmaschig medizinisch betreut werden, es gibt regelmäßige Untersuchen beim Augen- und Ohrenarzt und beim Physiotherapeuten, um seine Entwicklung zu überwachen und zu begleiten. Er bekommt Vitamine und Koffein und muss täglich inhalieren.

Die Familie ist in der Zwischenzeit nach Aachen umgezogen, die neue Wohnung hat Herr A. eigenhändig renoviert.

Woher M. diese unglaubliche Kraft und den Überlebenswillen hat wird klar, als Frau A. ihre eigene Geschichte mit mir teilt: Sie ist vor sechs Jahren mit ihrem Mann, der die dreijährige Tochter den ganzen Weg auf den Schultern trug, vor dem Krieg in Syrien geflohen. Nach drei Monaten und 15 Tagen, nach dem Durchqueren von sechs Ländern mit Booten, Schiffen, Zügen und Autos hat die junge Familie 2015 Deutschland erreicht, in Aachen seitdem ein neues Leben aufgebaut.

Die Kraft, all die Herausforderungen, vor die das Leben die 25-jährige bereits stellte zu bewältigen, schöpft Frau A. aus ihrem Glauben und aus der Liebe zu ihrer Familie. Gemeinsam mit ihrem Mann, der stets an ihrer Seite ist, kann sie stark sein, erzählt Frau A. mit unendlich dankbarem Blick.

Für die Zukunft wünscht sich Frau A., dass es ihren Kindern gut geht, dass M. sich weiterhin gut entwickelt, sie wünscht sich Gesundheit für ihre Familie und sie wünscht sich Frieden.

14.03.2022