MDK
Can war ein Wunschkind und Melike, seine Mama, hat die Schwangerschaft in vollen Zügen genossen. Einen Monat vor dem errechneten Termin machte sie eine Kreißsaalbesichtigung und die Ärztin wollte einen Ultraschall-Blick auf das Baby in ihrem Bauch werfen. Melikes Körper reagierte eigenartig, mit Panik, Herzrasen, Schweißausbruch und zittrigen Händen. Es war wie eine Vorahnung, als wüsste ihr Körper, was der Ultraschall Minuten später zeigen würde – dass >etwas nicht stimmt< mit ihrem Embryo. In der Nacht zuvor hatte sie einen Alptraum gehabt: In dem Traum sah sie ihren kleinen Can, er war ganz deutlich da, aber sein Gesicht war blau. Die Ärztin begann begleitend zur Untersuchung zu sprechen: >Da ist der Kopf, hier ist dies, hier ist jenes und…< und dann war es ganz still.
Fünf Minuten sagte die Ärztin nichts. Fünf Minuten, die wie eine Ewigkeit auf Melike lasteten. Und danach gab es nur eins: Unklarheit und die Anweisung wegen seines Herzens direkt nach Hamm in die Pränataldiagnostik zu fahren. Als Melike dort ankam, liefen ihr schon vor der Untersuchung die Tränen über die Wangen. Der Arzt sprach zuversichtlich und aufmunternd… bis auch er anfing, zu schallen. Nach einer Weile sprach er aus, was er sah: >Ich muss Ihnen mitteilen, dass ihr Kind schwer krank ist. Das Herz von Can besteht aus nur einer Herzhälfte.< Melike hörte seine Stimme wie von einem anderen Stern, es klang als sei sie selbst unter einer Glasglocke. Und ab dem Moment hatte sie nicht nur die Hoffnung auf ein gesundes Kind verloren, sondern auch ihre Freiheit zu entscheiden, was mit ihr, ihrem Körper und mit ihrem geliebten Embryo passiert. Ab da war sie fremdbestimmt. Doch nicht alles lief nach Plan und Can kam sehr spontan zur Welt. >Es war eine traumhafte Geburt<, erinnert sich Melike. Das hört man selten, aber Melikes Stimme lässt keinen Zweifel. >Es war eine sehr, sehr schöne Geburt. Erst war die Fruchtblase geplatzt und schon fünf Stunden später hatte ich den Kleinen in meinen Armen. Das war am 8. November. Doch das Mamaglück war nur von kurzer Dauer. >Ein Minütchen hatte ich Can auf dem Arm<, und dann musste das kleine zarte Lebewesen, das seine ersten Atemzüge nahm, ohne seine Mama so schnell wie möglich mit dem Krankenwagen von Bochum bis nach Sankt Augustin in die Kinderklinik gebracht werden.
Melike konnte wegen schlechter Leberwerte erst später folgen. Und zum Glück erinnerte sie sich damals an einen Flyer, den sie bei der Besichtigung des Sankt Augustiner Kinderkrankenhauses gesehen hatte. Da war doch so ein Haus für Eltern, das Ronald McDonald Haus. Stark wie eine Löwenmama ließ sie in der Klinik nicht locker und schaffte es tatsächlich, dass sie dort anfragen und einziehen konnte. Sie wusste, im Ronald McDonald Haus ist sie richtig, denn sie musste so nah und so viel wie möglich bei ihrem kleinen Can sein. Herzlich begrüßte Sabine, die Hausleitung, die frischgebackene Mama. Zu diesem Zeitpunkt ahnten beide noch nicht, welcher lange gemeinsame Weg vor ihnen lag. Melike wusste nur, hier war sie richtig.
>Das war so schön, als ich ins Haus kam, da hatte ich direkt so ein wohliges Gefühl. Das Haus war so voller Licht, Ruhe, und so eine friedliche Stimmung war da. Alles ist mit so viel Liebe zum Detail gestaltet<, schwärmt Melike. Sie dachten, sie könnten mit Can nach drei bis vier Wochen wieder nach Hause. Doch nach der Herz-Operation zeigte Can nicht die erhoffte positive Entwicklung. Immer wieder hieß es erneut warten auf bessere Werte. Zum Jahreswechsel hatte Melike begriffen, dass es besser für sie ist, sich nicht auf einen Zeitpunkt einzustellen. Heute weiß sie, dass aus den 3 bis 4 Wochen 8 Monate wurden. Nicht nur eine lange, sondern auch eine unglaublich schwere Zeit, der sie dennoch mit all ihrer Mamaliebe auch viel Positives abgewinnt: >Das war damals eine sehr traurige und zugleich eine sehr schöne Zeit mit Can.< Ihr kleiner Kämpfer überstand sieben schwere Herz-OPs und mehrere Herzkatheter. Can hat jedes Mal gekämpft, Melike wich nicht von seiner Seite und unterstütze ihn mit ihrer unendlich positiven Energie. Tag für Tag, Nacht für Nacht und Minute für Minute. Aber es ging weiterhin nicht bergauf. Seine Entwicklung stagnierte auf einem bedenklichen Niveau. Nach einem neuen Versuch, seine Beatmung zu verbessern, ging es nur noch bergab. Can, das kleine Geschöpf, das schon so viel geschafft hatte, musste auf die Intensivstation. Wenn Melike und ihr Mann mit ihm sprachen, zeigte sein geschwächter Körper keinerlei Reaktion mehr: kein Augenblinzeln, kein Lächeln. Wenig Leben, aber viel Hoffnung. Und doch, >am 18. Juli 2019 hat sein Körper uns verlassen<, erzählt Melike voller Liebe. Für sie ist klar, dass es nur sein Körper war, der gegangen ist. Can lebt in ihrem Leben weiter – auf vielfältige Weise. >Seine Seele und die Erinnerung ist tief in mir drinnen<, berichtet sie.
Der brutale Verlust zerreißt ihr Herz. Sie konnte es einfach nicht verstehen: >Warum ich?<. Später wandelte sich ihre unendliche Trauer in ein Gefühl aus Dankbarkeit und Liebe, >weil da auch so vieles drumherum war, das gut war<. Auf bewundernswerte Weise kommt Melike zu diesem Schluss, dass da ja auch so viele liebe Menschen waren, die ihr und ihrer Familie in der schweren Zeit zur Seite standen, einige davon aus dem Ronald McDonald Haus. Und doch fühlt es sich bis heute jeden Tag aufs Neue für sie so an, als hätte man ihr damals an dem Tag als Cans Körper ging, eine Hälfte ihres Herzens amputiert. Can und seine Mama, zwei Menschen mit halben Herzen – verbunden und eins.
Melike ist klar, dass sie die Situation annehmen muss, wie sie ist. Und das macht sie auf faszinierende Weise und auf ihre ganz eigene Art, so wie es ihr guttut. Trauer endet nicht, sie ändert sich. Vergehen tut sie nie. Daher hat Melike ihre unfassbar große Trauer in ihren Alltag integriert, um damit umgehen und weiterleben und das Leben lieben zu können. Wie sieht das konkret aus, die Trauer in den Alltag zu integrieren? Melike hat eine Ecke im Wohnzimmer eingerichtet für Can. Dort finden sich kleine Erinnerungen, ein grünes Bäumchen, Fotos, auf denen er zu sehen ist. >Dort begrüße ich ihn jeden Morgen!< Das ist eine schöne Routine und hilft. >Sein erstes Lächeln, seine Tränen, all das ist für mich unvergesslich und bleibt immer präsent.< Für Melike war zudem völlig klar: Sie möchte so nah wie möglich am Friedhof wohnen. Mit ihrem Mann hat sie genau das umgesetzt. Cans Grab ist nicht nur ein Ort für ihre Trauer, es ist auch ein Anker für ihre Liebe und ein Platz für Melikes Kreativität. Sie liebt es, sein Grab ganz individuell für ihn zu gestalten. >Es hat mir geholfen, mich dort kreativ auszutoben. Ich habe Steine bemalt und abgelegt, kleine Figuren aufgestellt, Leuchten angezündet und immer wieder Mitbringsel von unseren Reisen, denn sie hatte Can in der Krankenhauszeit in Sankt Augustin versprochen: >Wenn du nicht mehr im Krankenhaus bist, werden wir ganz viel reisen!< Und das macht sie nun wahr und nimmt Can gedanklich und vor allem tief in ihrem Herzen mit auf jede Reise.
Nicht alle haben Verständnis für die Art und Weise wie Melike trauert. Aber sie spürt ohne jeden Zweifel, was richtig ist und was nicht. Zu Letzterem gehören zum Beispiel gutgemeinte Volksweisheiten wie >es wird alles wieder gut<, >die Zeit heilt alle Wunden<, >das Leben geht weiter< und ähnliche Plattitüden, die einfach nicht zutreffen. Denn Fakt ist: Es wird nichts mehr wie vorher. Auch wenn Melike weiß, dass diese Worte gut gemeint sind. Diese Floskeln verletzen sie und das spricht sie dann auch aus. Sie kann diese Sätze nicht stehen lassen. Sie tut das für Can. Wie so vieles. Sie hatte ihm auch versprochen: >Du wirst nach Hause kommen.< Sie hatte sich das ganz anders erhofft, als es kam. Aber sie hielt Wort und brachte ihren verstorbenen Sohn, entgegen der üblichen religiösen Rituale, noch vor seiner Beerdigung nach Hause. So war es ein Ankommen und Abschiednehmen zugleich.
In ihrer Religion kehrt die Seele eines Verstorbenen in einer anderen Form wieder zur Erde zurück und Can erschien ihr – wie vom Priester kurz zuvor vorausgesagt – als ein kleiner weißer Schmetterling. Als während der Beerdigung genau so ein zarter weißer Schmetterling auf seinem kleinen Sarg landete, herrschte nur noch Stille. Stille, wie damals beim Ultraschall im Kreißsaal. Aber ohne Angst, nur voller Liebe und Vertrauen ins Leben, ins Universum und in die Energie, die sich nur wandelt, aber nicht vergeht. So wie die Bedeutung seines Namens Can. Er bedeutet >Seele, Leben und Liebe<.
Das Leben im Ronald McDonald Haus, während der Zeit, in der Can im Krankenhaus war, hat sie besonders schön in Erinnerung. >Das war nicht nur ein Haus für mich, das war ein Ort voller Liebe. Eine feste Säule in der Zeit, die mir den Boden unter den Füßen weggerissen hat.< Und dann berichtet Melike enthusiastisch, wie ihr die vielen lieben Menschen, die dort arbeiten, auf ganz unterschiedliche Weise geholfen haben. Mit Wohlfühltipps zum Entspannen, mit ermunternden Worten und viel echtem Verständnis aus Erfahrung, mit kleinen Aufmerksamkeiten – ab und zu auch einem Geschenk für den kleinen Can – und mit Humor! >Ich hatte das Gefühl, dass mir jede und jeder dort auf seine ganz eigene Weise etwas geben konnte, ohne das ich mit diesen Aufgaben nicht hätte klarkommen können,< sagt Melike heute voller Dankbarkeit. Der Kontakt zum Haus und zum Team riss nicht ab. Im Gegenteil. Die Erinnerung an Can und die gemeinsame Zeit wurde bei Sommerfesten, Weihnachtsfeiern und den Lichterfeiern für verstorbene Kinder, deren Eltern und Familien, stets lebendig gehalten. Doch damit ist Melikes Geschichte nicht zuende.
Es dauerte 7 Jahre, bis sie sich auf einen zweiten Versuch einlassen konnte und wieder schwanger wurde. Dieses Mal nicht unbeschwert. Zunächst sah in der Pränataldiagnostik im Januar 2025 alles gut aus. Bei einer weiteren vorgeburtlichen Untersuchung in Sankt Augustin konnte sich der Arzt sofort an sie und Can erinnern. Es dauerte nicht lange, bis seine Hände beim Ultraschall zitterten und er kreidebleich wurde. Er konnte zunächst nicht aussprechen, was er sah: Der liebe Arzt wirkte fast panisch, so dass Melike ihn beruhigte: >Alles gut!< sprach sie unglaublich gefasst aus, >alles gut<. Sie hatte extra Kraft gesammelt für diesen Moment. Und sie war stark. Löwenmama!
Auch bei der zweiten Geburt kam es anders als geplant. Am 2. Juni 2025 platzte unvorhergesehen die Fruchtblase und Melike schaffte es nur noch ins örtliche Krankenhaus. In der Nähe ihrer Familie, so wie sie es sich eigentlich gewünscht hatte, gebar sie eine süße kleine Tochter, Cans Schwester: ihr Name ist Ila – das Spiegelbild von Cans zweitem Namen: Ali. Bald war klar, dass Ila vom gleichen Arzt operiert werden würde, der auch schon versucht hatte, Cans Leben zu retten. >Es gab viele Parallelen<, berichtet Melike, aber um es vorwegzunehmen: Es ging alles gut! Die kleine Ila ist inzwischen ein Wirbelwind und hält die ganze Familie zuhause auf Trab.
>Ich lebe im Hier und Jetzt und ich genieße jeden Tag.< Melike trauert noch immer um Can und hält seine Erinnerung im Alltag lebendig. Wenn jemand sagt, das sei nicht normal und jetzt sei es doch mal genug mit der Trauer, dann lautet ihre Antwort: >Ich bin anders. Unsere Geschichte war anders. Und sie hat es verdient, respektiert zu werden.< Und das wird sie auch – im Ronald McDonald Haus zum Beispiel. Im März 2026 kehrt Melike mit ihrer gesamten Familie zurück ins RMH. Ohne Notfall, sondern voller Freude mit einer großherzigen Geste der Dankbarkeit: Beim Jahresempfang kochte sie gemeinsam mit ihrer Familie inklusive Schwestern und Cans Oma sowie dem gesamten RMH-Team ein wahnsinnig tolles orientalisches Essen für über 200 Freunde und Förderer des Hauses. An dem Abend waren alle verzaubert, vom Geschmack, vom Haus und vor allem von ihrer Geschichte, die sie bewegend erzählte – keine Geschichte, sondern das, was sie und ihre Familie erlebt haben. Im Interview sagt sie: >An dem Abend habe ich mich Can besonders nah gefühlt< und ist glücklich darüber.
Melike weiß: >Über Geburten wird viel gesprochen. Über den Tod nicht. Das ist aber genauso wichtig, denn Trauer muss gelernt sein!< Und das ist mit ein Grund, warum Melike hier ihre Erlebnisse so mutig und offen teilt.
Wir bedanken uns bei dieser warmherzigen Löwenmama für ihre positive Energie und die enge Herzensverbindung zum Team und zum Haus und wünschen alles Gute für ihr Familienleben mit ihrem Mann und mit der fröhlichen Ila – und alle sind verbunden mit Seele, Leben und Liebe – mit Can!
22.05.2026