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Lina Marie mit großem Bruderherz Sam – >Hauptsache gesund!<

Die Nachrichtenflut über das Coronavirus, Hygieneregeln, Impfempfehlungen, Inzidenzen und, und, und machen viele von uns mürbe. Manchmal möchte man einfach nur abtauchen in eine nachrichtenfreie Zone. Bei den ganzen Zahlen, die tagtäglich um uns schwirren, vergessen wir manchmal, dass die Infektionszahlen in Wirklichkeit keine Ziffern, sondern zum Teil zutiefst schmerzliche menschliche Schicksale sind. Keine Zahlen, sondern Namen wie Isabell und Kai mit Sam und Lina Marie – Familien, deren Leben sich von einem Tag auf den anderen dramatisch änderte.

Sam und seine Eltern auf der >Roten Couch< im Ronald McDonald Haus Sankt Augustin.
Hier blickt die kleine Lina Marie schon ganz optimistisch in die Welt.
Schwerer Start inmitten der Sorgen, die die Pandemie mit sich brachte.

Medizinisch kann der Zusammenhang zwischen dem Virus und den Ereignissen, die die Familie in den vergangenen zwei Monaten ereilte, nicht eindeutig belegt werden. Isabell aber spürt, dass das Virus alles verändert hat. Der 27-jährigen Mutter ging es gut in ihrer Schwangerschaft, bis sie sich mit dem Coronavirus infizierte. Sie fühlte sich schlecht, bekam Wehen und ging besorgt zum Arzt. Die Mutter erinnert sich: >"Bis gleich" habe ich zu unserem Sohn Sam gesagt. Und aus dem "bis gleich" wurden dann vier Tage<, so Isabell. Denn der Arzt stellte fest, dass der Herzschlag der noch ungeborenen Lina Marie unter den Wehen viel zu schwach war. Um ihr Leben zu retten, gab es nur eine Möglichkeit: >Wir müssen die Kleine holen, sofort<, entschied der Arzt. Und Isabell konnte gerade noch ihren gesunden Mann, der zuhause mit dem ebenfalls infizierten vierjährigen Sohn Sam in Quarantäne saß, anrufen. 39 Minuten später war Lina Marie auf der Welt. Isabell musste eine Vollnarkose bekommen und weiß nur aus Erzählungen, dass ihr kleiner Engel, Lina Marie, die Welt mit einem ersten Kindsschrei begrüßte – ein gutes Zeichen! Doch dann fielen ihre Lungenflügel in sich zusammen, so dass sie sofort intubiert und künstlich beatmet werden musste.

11 Wochen vor dem Termin und mit nur 1250 Gramm Gewicht wurde Lina Marie per Kaiserschnitt geholt und war wie ihre Mutter und ihr großer Bruder ebenfalls mit dem Virus infiziert* – das war einfach zu viel für das kleine, zarte Menschenwesen. Die nächsten drei Wochen verbrachte Lina Marie in Solingen im Krankenhaus, bis sich ihr Kopfumfang nach einer Hirnblutung von einem Tag auf den anderen um einen ganzen Zentimeter vergrößerte – das Hirnwasser konnte nicht mehr ablaufen. Daher ließ sich ein Transport des Frühchens in die Sankt Augustiner Asklepios Kinderklinik nicht mehr vermeiden. Sie wurde operiert. Ein Ommaya-Reservoir (Kapsel) wurde unter ihre Kopfhaut implantiert. Es funktioniert wie ein Kissen, aus dem das überschüssige Wasser punktiert werden kann. Das Einsetzen einer dauerhaften Ableitung mit einem sogenannten Shunt (hierbei transportiert ein Schlauch unter der Kopfhaut das Hirnwasser in Richtung Magen) ist erst ab 2,5 Kilogramm Körpergewicht möglich. 

Daher verbrachte die junge Familie mit ihrem vierjährigen Sohn Sam viel Zeit in Sankt Augustin im Ronald McDonald Haus. >Das Haus ist der Wahnsinn<, schwärmt Papa Kai voller Dankbarkeit. Auch für seinen vierjährigen Sohn hat das Haus einiges zu bieten: Wenn Sam eines Tages irgendetwas aus Sankt Augustin vermissen wird, dann die Polizeistation aus der Spielecke! Den Eltern tut es vor allen Dingen gut, dass sie sich hier mit anderen Eltern austauschen können, die das Gleiche erleben. >Die fühlen alle genauso wie du<, sagt Kai bewegt. Es ist auch schön, wenn die Familie mit Freunden telefoniert, aber das ist einfach anders. >Denen musst du natürlich immer alles erklären, was ein Shunt ist, was als Nächstes zu tun ist, warum etwas noch nicht gemacht werden kann. Und sie können sich einfach nicht genau so einfühlen, wie die Menschen, die in der gleichen Situation sind. Die fragen dann auch ganz andere Sachen.<  >Die Gespräche mit den anderen Eltern auf der Intensivstation<, erzählt Mama Isabell, >das war wie Therapiestunden für uns. Mit denen konnten wir über alles reden. Über Krankheit und über andere Themen. Das hat so gut getan!< >Das war fast so etwas wie Seelenverwandtschaft<, ergänzt Kai. Beide sind noch immer gerührt von diesen Begegnungen, das sieht man ihnen trotz der Maske im Gesicht während unseres Interviews deutlich an.

Am Dienstag war es endlich so weit. Nach zwei verschobenen OP-Terminen konnte Lina Marie mit dem lang ersehnten >Entwässerungssystem< geholfen werden. Damit wurde nicht nur neurochirurgisch der Shunt angelegt, sondern auch ganz viel Hoffnung gepflanzt für die Familie, bald wieder nach Hause zu dürfen – wenn die Wundheilung gut verläuft sogar noch vor Weihnachten! Der Plan: Dann tauscht die nicht mehr ganz so kleine und dann genau drei Monate alte Lina Marie hoffentlich ihr Wärmebettchen gegen das Babybett, das Papa Kai mit Bruder Sam an ihrem ungeplanten Geburtstag, am 1.9.2021, nichtsahnend aufgebaut hatten. Die Wand in ihrem Zimmer war noch nicht gestrichen, aber die Farbe stand bereit: Octopus-Lila. Kai erinnert sich, als wenn es gestern gewesen wäre. >Um 15 Uhr kam der Anruf von Isabell, die verzweifelt sagte, dass die Kleine jetzt sofort geholt werden muss. Und um 15:39 Uhr war sie da!<, sagt Kai als könnte er es selbst immer noch nicht ganz glauben.

In diesen Minuten wurde aus dem bis dahin kleinen Sam plötzlich ein großer Bruder, mit Funkeln in den Augen, mit viel Kraft und einem unbeirrbaren Beschützerinstinkt, mit unendlicher Bewunderung für die kleine wundervolle Schwester. Er selbst durfte seine kleine Schwester lange nicht sehen, nur der Vater durfte ins Krankenhaus. Corona! Deshalb sagte Sam damals:>Mama, sag Lina von mir, du bist die allerschönste Prinzessin und mein ganzes Herz ist voller Liebe!“ Einfach rührend zu hören und zu sehen, wie die Familie zusammenhält und glücklich ist, Lina Marie im Ronald McDonald Haus so nah sein zu können. „Siehst du das Haus da drüben, Sam?< fragte Isabell anfangs ihren Sohn Sam. >Da liegt deine Schwester!< – quasi nur einen kleinen Dinosprung entfernt. Sam mag Dinos. Bevor Lina auf die Welt kam, haben Isabell und Kai ihn gerne ab und zu bei seiner Tante und seiner Cousine übernachten lassen. Auch jetzt hatte Isabells Schwester angeboten, Sam könne zu ihnen kommen – in der Annahme, dass das Isabell und Kai entlasten könnte. Aber die Familie rückt nicht nur auf dem roten Samtsofa im Ronald McDonald Haus während des Interviews beim Fotoshooting eng zusammen, sie sind auch so ganz eng und liebevoll miteinander.

>Wir sind so froh, dass wir Sam bei uns haben< sagt Kai mit Tränen in den Augen. >Und Sam genießt es auch, den ganzen Tag Zeit mit dem Papa zu verbringen<, betont Isabell. Sie haben so viel erlebt: Sam hat sogar Radfahren gelernt in der Zeit im Krankenhaus, sie sind mit der Straßenbahn gefahren, waren am Hangelarer Flughafen. Die Eltern haben versucht, dass es sich für Sam ein bisschen wie Urlaub anfühlt. Kein Wunder, dass Sam von sich aus anderen immer voller Begeisterung berichtete: >Wir wohnen in einem Hotel direkt neben der Klinik!< Auch für Isabell fühlte es sich in den schönsten Momenten fast so an. Sie genoss die sogenannten Verwöhnabende und die Verwöhnfrühstücke im Haus – >wenn man sich einfach mal um gar nichts kümmern muss<, strahlt sie. Zurzeit sind diese Angebote coronabedingt nicht mehr möglich. Aber oft zählen Worte mehr als Taten. Kai und Isabell sind aus tiefstem Herzen vor allem dafür dankbar, dass das Team des Ronald McDonald Hauses immer wieder auf sie zukam, sich zu ihnen setzte und sich erkundigten, wie es der Kleinen geht, wie es ihnen geht, was sie brauchen. >Sie haben immer ein offenes Ohr für uns,< erzählt Kai und berichtet: >Sie alle haben hier ein gutes Gespür für die Eltern.“ Manche möchten mehr in Ruhe gelassen werden, Isabell und Kai hingegen reden gerne und offen über alles, was sie hier und in der Klinik erleben. Und das steckt wohl in den Genen: Sam hat der Hausleitung Sabine zu ihrem Geburtstag eine große Freude gemacht und eine Überraschung „performt“. Das aufgeweckte Kindergartenkind hat ihr ein leidenschaftliches Ständchen gebracht: „Happy Birthday, liebe Chefin“ hallte es da zur Freude aller durch Sabines Büro und durchs ganze Haus. Das hört sie auch nicht alle Tage! Verabschiedet hat sich Sam, der große Bruder von Lina Marie, dann mit den Worten >Ich mach dir hier mal die Tür zu, damit die anderen dich nicht nerven!< – herrlich!

Die Eltern haben von Anfang an versucht, Sam behutsam mit einzubinden. Er ist so empathisch und macht sich große Sorgen. Inzwischen geht er wieder in den Kindergarten, wohnt während der Woche zuhause und am Wochenende verbringen sie alle zusammen die Zeit in Sankt Augustin bei Lina Marie. Die Eltern wechselten sich zwischendurch ab und pendelten teilweise hin und her. Verschiedene Wohnmodelle haben sie in der Zeit ausprobiert. Ihr Fazit: Je mehr Nähe zu Lina Marie und dennoch Alltag, desto besser! Wenn Isabell in Sankt Augustin „ihre Männer“ vermisst, dann ruft Sam aus dem Hintergrund ins Telefon: >Mama, mach dir keine Sorgen, uns geht es gut!<

Auch Lina Marie geht es immer besser. Sie macht große Fortschritte und zeigt starken Willen. Sie trinkt gut, auch wenn sie das Zusatzpulver nicht so gerne mag. Nachdem sie sich selbst zwei Mal die Magensonde gezogen hat, meinte die Schwester: >Es scheint ihr nicht zu gefallen, jetzt versuchen wir es mal ohne<, – und es klappte! Inzwischen hat sie ihr Geburtsgewicht mehr als verdoppelt, auf 2.720 Gramm. Eine echte Leistung!

Nichts ist mehr selbstverständlich. Im Rückspiegel betrachtet bekommt das, was Mama Isabell früher leicht über Lippen ging, plötzlich ein schweres Gewicht. Sie erinnert sich: >Immer, wenn ich in der Schwangerschaft gefragt wurde, was es denn wird, da habe ich geantwortet: ‚Ein Mädchen. Aber es ist ja völlig egal, was es wird, Hauptsache gesund.< Jetzt spüren die Eltern mit jeder Faser und der große Bruder Sam mit seinem großen weiten Herz Tag für Tag, welche tiefe Bedeutung ihre Worte hatten und die ganze Familie freut sich, wenn sie hoffentlich bald mit Lina Marie nach Hause dürfen – Hauptsache gesund!

*Anmerkung der Redaktion: Kai durfte sich als einziger in seiner Kleinfamilie gegen Covid impfen lassen und hatte sich damals als einziges Familienmitglied nicht infiziert. Seine Frau war schwanger und Sam noch ein Kind – folglich konnten beide nicht geimpft werden – damals. Die Empfehlung, dass sich auch Schwangere gegen Covid impfen lassen sollen, kam genau zwei Wochen nach Isabells Kaiserschnitt. Heute haben somit viele Frauen in einer Schwangerschaft die Möglichkeit, sich und ihr Ungeborenes durch eine Impfung zu schützen.

08.09.21